Eine Reißbrettwährung als Verfassungsersatz

Nun ist es auch schon wieder zwölf Jahre her, dass man die Kunstwährung Euro über den halben Kontinent gestülpt hat, ohne das Gros der Bürger darüber zu (be)fragen. In diesen zwölf Jahren ist viel passiert: man musste das neue Geld mehrfach retten, kaum eine Währung zuvor wurde derartig massiv kritisiert, auch wurde noch nie so viel Propaganda für eine Währung gemacht und in Europa wurde wohl auch noch nie derart viel über die Währung und ihre Entstehung diskutiert wie über den Euro. Warum das so ist, soll hier erörtert werden.

Die Entstehung

Schon in ihrer Entstehung unterscheidet sich die Reißbrettwährung wesentlich von ihren Vorgängern. Früheres Geld wurde zumeist von den wirtschaftlichen Akteuren „bottom-up“ mitbestimmt oder – wenn es optimal gelaufen ist – ging aus einer Mehrzahl konkurrierender Möglichkeiten als Sieger hervor und wurde dann von der Politik zum „offiziellen“ Geld gemacht. Im Gegensatz dazu wurde der Euro von der Politik konstruiert und „top-down“ in den Euro-Mitgliedsstaaten eingeführt.

Am 1.1.2002 begann – nach für ein solch wichtiges und komplexes Projekt relativ kurzer Planungs- und Vorbereitungsphase – das größte währungstechnische Experiment der Menschheit. Noch nie zuvor wurde mit einem Schlag eine Währung

  • über derart unterschiedliche Länder und Regionen mit
  • derart unterschiedlichen kulturellen Lebensweisen und Vorlieben
  • so unterschiedlichen Wirtschaftssystemen, die sich
  • in so verschiedenen Konjunkturstadien befanden, eingeführt.

Natürlich stellt sich die Frage nach dem Grund für die Eile. Jedermann wusste doch, dass die einzelnen Länder sich wirtschaftlich „…und überhaupt“ bei weitem nicht so angenähert hatten, als dass sie reif für eine derartige Vereinigung gewesen wären. Die Eile war aber dadurch gegeben, da die EU keine gemeinsame Verfassung zustande gebracht hatte. Mangels Verfassung hätte auch die politische europäische Gemeinschaft nur stotternd eine wirkliche Gemeinschaft werden können.

Die vier Schritte zur Vereinigung von Völkern und Kulturen

Das Versagen der EU beim Zustandebringen einer Verfassung ist weniger im Unvermögen der Planer, sondern eher in der historischen Tatsache begründet, dass sich die Vereinigung von Gesellschaften historisch immer gleich in einer Reihe von aufeinanderfolgenden Schritten vollzieht. Dieser Annäherungsprozess erstreckt sich über einen langen Zeitraum von mehreren Hundert Jahren und umfasst die folgenden Phasen:

  1. Warentausch

Alles beginnt mit dem Interesse an Gütern und Waren des jeweils anderen. Um diese zu tauschen, etablieren sich Handelswege und Marktplätze an diesen Routen.

  1. Außenhandel und militärische Bündnisse

Um den Handel nicht zu gefährden, werden diese Routen von den Sicherheitskräften der Länder befriedet. Militärische Bündnisse werden geschlossen, um den friedlichen Ablauf des Warenverkehrs sicherzustellen.

  1. Sprache, Kulturaustausch

Von ihren Reisen bringen die Händler Gewohnheiten, Sprache, Küche und Kulturtechniken zurück in die Heimat; diese werden von den Daheimgebliebenen teilweise übernommen. Der Lebensführungs- und Kulturaustausch als Herzstück und essenzielle Basis einer Vereinigung hat begonnen.

  1. Rechtsempfinden/Rechtssystem

Erst ganz zuletzt beginnen die Gesellschaften damit, Rechtsgebräuche zu übernehmen bzw. auszutauschen oder gar zu vereinigen. Das eigene Rechtssystem (welches quasi eine Kodifizierung der herrschenden Moralvorstellungen darstellt) liegt dem Individuum natürlicherweise sehr am Herzen und die Bereitschaft, es zu tauschen oder abzuändern, ist daher äußerst gering.

Glaubt man dieser Aufstellung von Historikern, dann war es den Menschen von vornherein unmöglich, mit den Visionen der EU-Politiker emotional und kulturell Schritt zu halten. Auch die Verfassungs-Ersatz-Verträge, zwar nach schönen Städten (Maastricht, Lissabon) benannt, sind inhaltlich nur bedingt tauglich. Ohne Verfassung bzw. einen vollwertigen Verfassungsersatz hatte das visionäre Europa von Beginn an einen ordentlichen Klumpfuß. Eile war geboten, ein Medium zur Integration und Schaffung einer gesamteuropäischen Bindung musste her und tragischer Weise ist man auf die Idee gekommen, dass eine gemeinsame Währung mit all ihren Verquickungen automatisch die Bindung der einzelnen Kulturen stärken müsste.

 Die Funktionsverschiebung

Um eine politische Vision zu verwirklichen, wurde also eine rechtssystematische Notwendigkeit mehr oder weniger geschickt umgangen. Es wurde ein Ersatzmittel in Form einer Währung geschaffen – mit kaum abschätzbaren Folgen. Die Funktionsverschiebung vom Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel zum Rechts- und Verfassungsersatz drängt die ursprüngliche Rolle des Geldes ins Abseits und allen Ortens kann man dies verspüren. Während Geld als Tauschmittel noch!!! funktioniert, kann es seiner Funktion als Wertaufbewahrungsmittel nicht mehr nachkommen. Der massive Kaufkraftverlust, den die Bürger seit der Euroeinführung zu ertragen hatten und haben, war zu Schillingzeiten nicht denkbar. Oder ist dieser (Enteignungs-)Effekt der Reißbrettwährung gar gewollt? Demnächst mehr, wenn Sie wollen!